Athen Private Marathon – Auf den Spuren von Pheidippides 2017

Irgendwie hat sich das im Kopf festgesetzt: Lauf doch mal den „Original“ Marathon von der Stadt Marathon nach Athen. Ja, genau der, bei dem der Bote Pheidippides vor knappen 2.500 Jahren die freudige Nachricht des gewonnen Krieges an die Athener überbringen wollte. Für diese 42,195km brauchte er ganze zwei Tage und ist am Ende – dann doch – tot zusammengeklappt.

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Nach dieser Story und der romantisch angehauchten „Trail“-Strecke im Sinn, sitze ich im Bus von Athen nach Marathon. Sorgfältig wurden schon Wochen vorher die entsprechenden GPS Daten auf das Handy geladen.
Nach einer halben Stunde Fahrt denke ich nur „Mann ist das hier hässlich!“. Mit dem Blick aufs Handy wird mir einiges klar: Die komplette Strecke, die wir hier im Bus fahren ist auch die Strecke, die ich wieder zurück rennen muss.
Sorgsam gucke ich erst nach genügend Trinkstationen: An jeder Ecke gibt es Tankstellen und kleinere Läden mit großen Kühlschränken. Perfekt. Kein großes Wasserschleppen angesagt. Doch immer wieder suche ich verzweifelt nach einer Art „Bürgersteig“, auf den es sich laufen lässt. Die Autos und Busse sind schnell unterwegs – Schnellstraße ohne Seitenwege. Was für ein Abenteuer, du Depp!!

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Nach 90 Minuten und vielen Gedanken à la „Wieso tust du dir diesen Scheiß eigentlich an?! Bus wieder zurück nehmen und ins Café setzen? … Verdammt das soll doch Training sein – Flache Piste, 24° und ein paar Stunden laufen – stell dich nicht so an…!“
Der Busfahrer informiert schon einmal vorsorglich für mich: „Buses go back every hour from here!“
Nein, die Rückfahrt will ich mir sparen. 4,40€ – Yes! Dafür gibts extra Feta heute zum Abendessen!
Wenig motiviert steige ich aus dem Bus aus und suche den Start. Der war einfach zu finden. Ein kleines Stadion und eine lange Allee sowie viele historische Denkmäler und Gravierungen markierten den Start- Bereich.
Kurzes Selfie – à la „Ja ich war wirklich hier!“, GPS Uhr auf go und los gehts!
Voller Gegenwind. Ich gucke noch kurz in die Karte: Nur geradeaus. Na toll. Immerhin stimmt das Wetter: Leicht bewölkt. Ein zweiter Sonnenbrand wäre ziemlich unangenehm gewesen.

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Die ersten Kilometer und eigentlich die komplette Strecke lief Körper, Magen, Darm, Kopf und vor allem Beine wie eine 1. Das viele Training lohnt – auch wenn man diesen Marathon beruhigt als niederländischen Flachlandlauf bezeichnen kann. Trotzdem waren sogar auch einige Trail Passagen dabei – Schotterwege neben der Schnellstraße inkl. Oberkörpertraining dank vieler herunterhängender Äste und unausweichlichem Gestrüpp. Dazu kommen leichte Sprungeinlagen durch unübersehbar hohe Bordsteinkanten. Training… denke Ich. Und zu allem Mal besser als auf dem Seitenstreifen von einem Bus über den Haufen gefahren zu werden.
Aber die Autofahrer sind oftmals vorsorglich. Trotz lediglich eines vereinzelten Läufers auf der gegenüberliegenden Seite überholten mich nur zwei alte Rennradfahrer. Die Autofahrer wissen wohl schon über die vereinzelten Touri-Wahnsinnigen Bescheid.
Naja – immerhin wird man jeden einzelnen Kilometer durch ein schönes „Original Marathon“ an die bereits zurückgelegte Strecke erinnert. Auch das Handy konnte ich fortan aus den Händen nehmen und in die Laufweste stecken. Verlaufen geht hier nicht. Grade aus. Das war alles.
Nach 10 Kilometern stecke ich zwei 0,5 Liter Flaschen in die Laufweste. Ich komm mir vor wie Megan Fox… Egal, sieht jetzt sehr professionell aus…
Das Wetter wird sonniger. So sonnig, dass der zweite Sonnenbrand wohl doch noch ein paar frohe Nächte bringen werden.
Die Kilometer werden runter gezählt. Ich habe mich an den Verkehr gewöhnt, die Autos an mich. Ich werde mutiger und wähle öfters die weiße Fahrbahnbegrenzung als die buschreichen „Trails“.

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Mit jedem Kilometer näher an Athen werden auch die Bürgersteige zahlreicher und besser. Zeit, Zeit gut zu machen. Auch die Downhill-Passagen verleiten jetzt etwas schneller zu laufen. Die letzten Kilometer haben es in sich: Nach Kilometer 39 gibt es erstmals eine Gabelung. Schnell wird nochmal das Handy gezückt. Rechts, links, links. Da ist es. Das unglaublich eindrucksvolle Athener Olympiastadion. Doch auf der Uhr stehen nur 41km. Sonst hat die Anzeige auf der Uhr doch immer mit den Kilometer Ständen auf den Schildern übereingestimmt?! Ein erneuter Blick auf die GPS Daten verrät: Du musst jetzt das Stadion links neben dir lassen und wie ein Bescheuerter daran vorbei zu laufen, um nach ein paar hundert Metern die Kehrtwende zu machen, um dann doch endlich ins Stadion zu laufen. Was hat sich der erschöpfte Bote damals nur (nicht?) gedacht?! Natürlich mache ich den Spaß mit. Schließlich bin ich nicht für 41 Kilometer nach Athen gelaufen. Hallo?!
Stolz wie Oskar drücke ich im Stadion bei Kilometer 42,195 auf die Uhr. Punktlandung. Und mit dem guten Gefühl auch noch ohne Qualen eine Weile weiter laufen zu können, sprinte ich die Treppen empor und genieße bei Müsliriegel und Wasser die Traum Aussicht auf das Stadion und der Akropolis in der Ferne.

Bevor es erstmals seit dem Aufenthalt aus Kübel anfängt zu gießen, rette ich mich in die Katakomben, in der die Geschichten der Marathon-Anfänge beschrieben stehen und jede einzelne Olympia-Flamme aufbewahrt wurde.
Nun, kann man diesen privaten „Original-Marathon“ weiter empfehlen? Wer Autolärm über mehrere Stunden abkann oder besonders gute „Noise-Chancellation“-Kopfhörer hat (Achtung, die Autos sind trotzdem noch da!), dem kann man dieses Unterfangen durchaus weiterempfehlen. Für die anderen: Es gibt spannendere Läufe. Jedes Jahr im Herbst startet der offizielle Athen Marathon. Dann ohne Autos und Lärm.
Aber macht man nicht solche Dinge, um auch mal einen Lauf auf eine andere Art und Weise kennen zu lernen? Zugegeben war dies in diesem Sinne auch nur ein „Nachlaufen“ einer definierten Strecke. Trotzdem kann ich nur empfehlen, so etwas einmal auszuprobieren. Nicht auf den Lauf im Jahr warten und von Verpflegungsstation zu Verpflegungsstation ins Ziel „getragen“ zu werden. Der Bote hätte damals vermutlich überlebt. In diesem Sinne: Frohes Laufen!

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