Innbruck Trail Run Festival 2017: Alpenschnuppern

65 Kilometer über die Trails um Hauptstadt Tirols. Innbruck mit perfektem Alpenpanorama plus 2.100 Höhenmetern. Ein Lauf, auf dem ich mich spätestens seit dem Winter gezielt ohne Trainingsplan vorbereitet hatte. Und der Winter kam tatsächlich nochmal zurück.

image.jpg

Die Laufvorbereitungen liefen gut. Und trotzdem hatte ich immer Bammel vor den Höhenmetern. Etwas was man selbst in der Stuttgarter Umgebung schwer trainieren kann, es sei denn man rennt 10 Mal einen Berg hinauf. Wer macht schon so etwas… Schließlich rennt man ja zum Spaß. Nichts desto trotz ist es eine Möglichkeit, die alpinen Trails näher kennen zu lernen und an die eigenen Grenzen zu gehen.

IMG_2762.JPG
Doch so weit sollte es Tage vor dem Rennen eigentlich gar nicht kommen. Meine organisatorischen Fähigkeiten ließen mich komplett im Stich.
Sieben Tage vor Start entschied ich mich zur Anmeldung. Grund: Naja, wenn das Wetter, wenn die Gesundheit nicht 100%-ig mitspielt, dann kann ich mir die 80€ auch getrost sparen. Trugschluss: Vorzeitig wurden alle Anmeldungen geschlossen. Das Event, an dem Läufe von 25 km bis 85 km angeboten wurden war angeblich restlos überfüllt. Jetzt war das berüchtigte Krisenmanagement gefragt: Kühlen Kopf bewahren und überlegen wie man da noch rein kommt: Es gab noch zwei Facebook-Gewinnspiele, an dem jeweils ein Startplatz verlost wurde. Versuchen kann man’s ja… Ansonsten lauf ich halt unter dem Namen eines erkrankten Läufers, der hoffentlich seine Startunterlagen zur Verfügung stellt.

IMG_2805.JPG
Wie das Glück es manchmal mit einem hat, bekam ich einen Gutscheincode über Ebay Kleinanzeigen, der es mir erlaubte mich noch nachträglich persönlich anzumelden. Inkl. Gutschein für die After-Run Pasta-Party. Wahnsinn!! Ich bin glücklich. Die zwei Wochen zuvor gebuchten Zugfahrten und Hostel-Reservierungen bleiben also bestehen. Alles zusammen gesammelt.
Wenn da nicht wäre… Die Ausrüstungskontrolle am Vorabend des Rennens! Durchgefallen bin ich bei einem fehlenden erste Hilfe Paket, Trinkbecher sowie Trailschuhen mit Profil, mit denen es sich durch Schnee und Matsch rennen lässt. „Wie jetzt? Soll ich mir jetzt spontan neue Trailschuhe – die ich nicht testen und einlaufen kann – kaufen und damit morgen 65 Kilometer laufen??“ Die Ausrüstungskontrolleurin nickt nur mitleidend mit dem Kopf. „Es liegt viel Schnee auf den Trails, mit deinen Straßenlatschen kann ich dich da nicht rauf schicken, das ist zu gefährlich“. Halb schmunzelnd, halb beängstigend trete ich zur Seite, um den anderen Läufern Platz zu machen. Stöcke hatten auch viele dabei, auch wenn dies nicht zur Pflichtausrüstung zählte.

Ich habe noch 30 Minuten bis die Startnummernausgabe schließt. Auf gehts! „Ich brauche dringend ein paar Trailschuhe, die mich morgen durch den Tag bringen – Schuhgröße 45, Flachfuß, neige bei neuen Schuhen zu Blasenbildung – können Sie mir schnell etwas empfehlen?“ Der Schuhverkäufer auf dem Eventgelände schaut mich ungläubig an. „Ja, 65 Kilometer“. Nach einem 20 Meter Testlauf steht fest: Der passt! Hoffentlich! Jetzt noch das Erste Hilfe Set und den Trinkbecher. Ach 7€ für einen Trinkbecher?! Hol ich gleich im Einkaufsladen (Dort ergatterte ich 20 Partybecher für 1,99€ – Wahnsinn – Hoffentlich wird das morgen auch in diesem Sinne eine Party).

Der nächste Morgen. Wie bei der Bundeswehr wird aufgesattelt: Laufweste mit Pflaster und Ersatzsocken (Ja, die Schuhe fühlen sich spitzenmäßig an, aber man weiß ja nie…), Trinkbecher (ohne diesen wäre es an den Verpflegungsstationen tatsächlich schwierig geworden), erste Hilfe Set und einer Plastikflasche. Erfahrungen haben gezeigt, dass es durchaus sinnvoll ist, möglichst minimalistisch unterwegs zu sein. Dies bezieht sich nicht nur auf Ultras… Tatsächlich bin ich Läufern begegnet, dessen Dimensionen der Ausrüstung und Rucksäcke einer Mehrtagestour gleichkamen. Nicht beneidenswert. Da es auf der Stecke etwa sechs Verpflegungsstationen gab, habe ich mich dazu entschlossen, gar kein Wasser und lediglich ein paar Kalorien in Form eines Riegels mitzunehmen.

8:00 – ich stehe am Start mit vielen Leidgenossen, darunter aber auch 25km Läufer. Es ist kalt. Ich bin froh wenn der Startschuss fällt und es endlich losgehen kann.

Meine Strategie für den Tag ist simpel: Möglichst effizient in einem gleichmäßigen Tempo ins Ziel zu kommen. Zwar hab ich mir keine Zeitvorgaben gesetzt, da ich die 2.100 Höhenmeter und die Streckenbedingungen in keinster Weise abschätzen konnte. Allerdings ist es mein sportliches Ziel, halbwegs durchzulaufen.

sportograf-95039139.jpg
Nach einer kurzen Altstadtrunde ging es über den Fluss Inn steil aufwärts. Im Powerwalking Schritt ging es hinauf in die Schneelandschaft. Es ist Ende April. Die Tage zuvor gar es nochmals Neuschnee. Lawinengefahr. Die Untergründe wechseln zwischen Schnee, Wurzelwerk, Matsch, Kiesel, Asphalt und Ablaufrinnen. Das volle Programm.

Nach dem ersten Gipfel hat sich die Sonne blicken lassen und eröffnet einen Traumblick auf die schneebedeckte Tiroler Alpenlandschaft. Doch für Sehnsuchtsblicke bleibt nicht viel Zeit: Die Downhill Passagen haben es in sich: Schnee, Matsch und offenes Wurzelwerk machen weite Passagen technisch anspruchsvoll. Ich bin froh, die profilstarken Trailschuhe zu haben.

Die nächsten Stunden vergehen ohne einen Blick auf die Laufuhr. Nach 25 Kilometern verlassen mich gefühlt alle Mitläufer. Nicht viele, die noch so verrückt sind und weiter laufen. Doch was ist schon verrückt? (Hint: 4 Stunden Netflix Serien bimsen – ist das nicht auch irgendwie extrem?!) Aber das ist nochmal ein anderes Kapitel.

IMG_3055.JPG
Ich versuche im Moment zu bleiben und nicht akribisch die Kilometer runter zu zählen. Ich hangele mich von Gipfel zu Gipfel, Tal zu Tal, Verpflegungsstation zu Verpflegungsstation. Fühle mich gut. Trau mich aber nicht auf die Uhr zu gucken. Zu lang kann der Weg noch sein.
Plötzlich liege ich beim Versuch einen Läufer auf dem Single-Trail zu überholen auf der Erde. Ups. Hinfallen, aufstehen, weiter laufen. Der blutende Mittelfinger wurde während des Laufens verbunden. Erste Hilfe Kit sei Dank – schließlich soll kein Utensil nutzlos mitgeschleppt worden sein.

Bis Kilometer 55 kam ich erstaunlich gut durch. Zehn Kilometer noch: „Die tägliche <<Hausrunde>>“ denke ich mir. 5:06h. „Wow. Schaffst du es noch unter 6 Stunden?“
Nach fünf weiteren quälenden Uphill Kilometern verrät mit die nächste Verpflegungsstation: Noch 10,1km bis ins Ziel. Seelisch auf einem Tiefpunkt denke ich, weshalb ich fünf Kilometer mehr auf der Uhr stehen habe. Verlaufen habe ich mich glücklicherweise nicht. Trotzdem werden die letzten 10 die gefühlt längsten Laufkilometer. Auch wenn ich diese ohne Gehpausen durchgelaufen bin.

Ultras tun weh. Es kommen früher oder später die Momente, an dem man viel anzweifelt: Hast du die Strecke richtig eingeteilt? Wieso tust du dir das an? Warum bist du hier?

Ich spüre die Emotionen. Nach einander sammle ich erschöpfte 85km Läufer ein, die zwei Stunden vor mir gestartet sind. Nach dem letzten Gipfel geht es nur noch bergrunter. Steil und matschig. Die Oberschenkel glühen. Jetzt keinen Fehler machen. Die Abgründe sind hier steil. Zum Glück habe ich eine Bergversicherung bei der Anmeldung abgeschlossen…
Inzwischen zeigt meine Laufuhr 65km an und – geht aus. Akku alle. Zum Glück nicht meiner…

Beim Blick vom Berg auf Innsbruck und Inn verkneife ich mir die Tränen. Nach 6:42 Stunden laufe ich durchs Ziel. Überglücklich werden die Schmerzen der letzten Stunden ausgeblendet.

Die Schmerzen gehen, Erinnerungen und Erfahrungen bleiben.

In diesem Sinne: Frohes Laufen!

sportograf-95042445.jpg

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s