Auf den Pfaden des HK100 Trails 2018

05:00 – der Wecker klingelt. Ich springe förmlich aus dem Hochbett im 17. Stockwerk eines Hostels auf Hong Kong Island. Heute ist es endlich soweit. Denn heute will ich den zweiten Teil des „legendären“ Hong Kong 100 Trails laufen.

20180114_150621

 

Bereits die Tage zuvor bin ich wie ein kleines Kind glücklich über phantastische Single-Trails quer um Hong Kong herum gelaufen. Der Kontrast zwischen wuseliger Großstadt und einsame Trail Landschaft hat mich schwer beeindruckt.

Auch wenn ich bereits Ultra-Trail Erfahrungen in den letzten zwei Jahren machen durfte, habe ich den Tag neben Vorfreude auch mit großem Respekt betrachtet. Mein GPX-File auf der Uhr gibt für die zweiten 50 Kilometer der Strecke einen Höhenunterschied von 3.500 Meter an. Diverse Laufberichte schwärmten von der einzigartigen Trail-Landschaft. Gleichzeitig von harten Höhenmetern.

06:00 – der U-Bahn-Schacht öffnet sich. Vollgepackt mit Wasser und Verpflegung geht es in die erste Bahn Richtung Start. Ich lege mir die letzten Gedanken zurecht: Durchkommen, kleine Schritte, Zeit spielt keine Rolle, Sonnenuntergang ca. 18:00, bloß nicht stürzen.

07:00 – Ich drücke auf Start. Es fühlt sich komisch an. Keine Start-Linie. Kein Publikum. Nach 300 Metern setzte ich erstmals zum Walk-Schritt an. Es ist einfach zu steil. Das geht ja gut los… Jetzt heißt es Ruhe bewaren. „Der einzige Gegner ist die Dunkelheit nach 18:00“ denke ich. Bis dahin kann man ganz ruhig Kilometer machen. Ich treffe dynamische Rentner, die mir den Berg hinuntergelaufen kommen. Ich habe Respekt und laufe weiter.

Die aufgehende Sonne steht am Horizont.

20180116_074715

Immer weiter geht es den Berg hinauf. Immer wieder renne ich durch Wälder, bis der Berg die Sicht auf Hong Kong und Umgebung frei gibt.

20180116_08091620180116_08092720180116_08123120180116_08163120180116_081635

Ich bin überwältigt. Gleichzeitig schwöre ich mir, konzentriert zu bleiben. Der Trail verzeiht hier keine Fehler. Die Strecke ist für mich technisch anspruchsvoll. Keine Zeit, die Beine „schlänzen“ zu lassen.

20180116_09073320180116_091107

Nach ca. 25 Kilometern zweifel ich erstmalig an dem heutigen Vorhaben.

Seit einer Stunde schreite ich im Stemmschritt mit den Händen auf den Knien eine nicht enden wollende Steintreppe hinauf. Die kurze Pause an dem Wasserfall hat die Stimmung nicht wirklich aufgehellt.

Wie die Höhenmeter, geht die Stimmung mal rauf mal runter. Ich versuche ruhig und langsam zu bleiben. Kräfte für später aufsparen.

20180116_09512720180116_09563320180116_095638

Ich bin high. Ganz oben. Stolz renne ich die erste Asphaltstraße hinunter.

Tatsächlich kann ich es schaffen. Erstmals wage ich einen Blick auf die GPS-Uhr. 40 Kilometer. Es ist später Mittag. Alles läuft nach Plan.

20180116_114440.jpg

Außer die Lebensmittelversorgung. Meine Planung, „läufst du halt in ein Dorf und kaufst dir eine Cola und einen Müsliriegel“ musste ich früh an den Nagel hängen. Es gab keine Dörfer auf der Strecke. Also begnügte ich mich mit diversen kleinen Quellbächen und getrockneten Mango- und Dattel-Scheiben.

20180116_14343520180116_143636

Die Sonne brutzelt auf die Erde. Ich habe mich verschätzt. Schon wieder. Die letzten Kilometer werden meine längsten werden. Meine Kalorien sind mir seit einer Stunde ausgegangen und Bäche sind auf den Höhengraden auch nicht mehr in Sicht.

20180116_14543020180116_15021420180116_150219

Ein Verlaufer und eine Störung im GPS-Track addieren zusätzliche Kilometer. Die Landschaft nimmt mich ein und gibt mir Kraft, weiter zu laufen.

Auf den Gipfeln treffe ich entspannt aussehende Hobby Trailer. Ich grinse mit Salz-Gesicht und Stemmschritt dem Aufstieg entgegen. Die Energie ist weg. Ich denke nur noch an kalte Getränke, lange Duschen und dem besten vegetarischem Dim Sum.

20180116_152924.jpg

Tai Mei Tuk: Mein Ziel! Glücklich renne ich die Stufen hoch und runter. Ein wahres Geduldspiel, wenn man den Zielort tief unten hinter dem Berg liegen sieht. Dazwischen lauter Up & Downs.

 

20180116_153047.jpg

Nach neun Stunden überquere ich die virtuelle Ziellinie. Ein paar Schrammen, kaputte Beine und ein neues Herz für Hong Kong. Was für ein Lauf.

Hong Kong, ich komme wieder.

 

Til

 

Unbenannt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s