Asche auf deine Füße

Ich stehe am Kraterrand, die Luft stickig, der Rauch schlägt auf die Atemwege. Ich setzte an und… Hopp – Der Ring ist in den tiefen des Kraters in die flüssig heiße Lava verschwunden.


So oder so ähnlich hab ich mir den Trip nach Sizilien zum Äthna vorgestellt. Kurz nachdem ich ein günstiges Flugticket gebucht hatte.
Bei einem Vulkan kommt mir immer der Hobbit Frodo in den Sinn, der in „Der Herr der Ringe“ seine entscheidene Wanderung antrat, um Mittelerde vor dem Untergang zu bewahren.

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Der Äthna ist mit rund 3.200 Metern der größte aktive Vulkan in Europa.
Ein verlängertes Wochenende auf Sizilien, zusammen mit einer netten Italienerin (Fiat 500) und besten Wetterverhältnissen waren perfekte Ausgangspunkte, den Vulkan einmal Läuferisch in Angriff zu nehmen.

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Tag 1: Startpunkt war eine Seilbahn-Station am Südhang. Das Laufen ging schnell ins Quickwalking über – die Hänge waren gut begehbar, allerdings zu steil.
Die Endstation der Goldel wurde schnell erreicht und erstmals taten sich erste Schneefelder auf. Die Aussicht glich einer Mondlandschaft. Vegetation null, Geröll eins.
Ich erreiche einen Parkplatz, auf dem einige Lastwagen standen. Dies ist die Endstation für Fahrzeuge und auch Touristen, die bis hier hin nicht laufen wollten. Von nun an müssen alle, die wollen, zu Fuß Richtung Krater marschieren.

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Ich treffe lauter Urlauber mit Helm, Stöcken und Winterkleidung. Die Winterkleidung hätte ich auch gerne, dachte ich bei teilweise auftetenden Schneestürmen und Starkwinden bei Shirt und kurzer Hose. Also hieß es in Bewegung bleiben. Die Touris waren schnell überholt, bis mich ein Guide fragte, wo ich denn bitte hin wolle. „To the top“ antwortete ich läppisch. Nein, hier sind nur geführte Touren zum Gipfel möglich. Auch mein Angebot, Ihm ein bisschen Taschengeld zu geben, um sich der Gruppe anzuschließen, wollte nicht funktionieren. Gefrustet laufe ich wieder Richtung Gondelstation. „Die Italiener und Ihr Geschäftsmodell.“ Denke ich generft bei traumhaften Downhill Passagen in der Asche.

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Tag 2: Ich habe mit dem Äthna noch eine Rechnung offen. Probieren tue ich es diesmal von der Nordseite.
Die Beine fühlen sich die ersten Kilometer schwer an. Auch die Motivation bleibt an diesem Morgen auf der Strecke. Sollte heute mich ein Guide auf halber Strecke wieder zum Umdrehen zwingen, bliebe mein Ziel wohl vorerst nicht erreichbar.
Trotzdem präsentiert sich die Nordseite schon früh von einer einzigartigen Schönheit.

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Auch der Wind, der gestern an der Südseite extrem stark war, bleibt heute aus. Immer wieder zeigt sich der Krater, nachdem der Ascherauch vom Wind verzogen wurde.
Zu meiner Verwunderung überholt mich auf der menschenleeren Strecke (auf der sonst nur SUVs Touristen hinauf bringen) ein italienischer Läufer.
Nachdem ich die ersten meterhohen Schneefelder passieren, entscheide ich mich nicht auf einen Nachbarberg nach links abzubiegen, sondern den Gipfelsturm nach rechts anzutreten.

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Ich passiere schnell eine Gruppe Touristen und halte meinen Kopf unten, immer mit der Befürchtung, gleich wieder den Abgang antreten zu müssen.
Der Weg endet in einem riesigen Schneefeld. Ich blicke zurück. Die Touristengruppe hat den Weg verlassen und biegt direkt zum Äthna ein.
Mittlerweile fühle ich mich wie bei einer Klein Mount Everest Expedition. Wie komme ich dort am besten hoch?

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Bisher bin ich größtenteils GPS-Koordinaten hinterhergelaufen oder markierte Wege. Jetzt musste ich auch mal das Hirn einschalten. Es gibt keine „Trails“ oder Pfade mehr. Nach einigen hundert Metern durch die Schneefelder, in der ich teilweise tief einsinke, umhüllt mich ein Schleier aus Rauch und Wolken.

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Ich sehe gar nichts mehr.
Weiter laufen, zu viel Risiko. Der Touristengruppe hinterher, zu auffällig. Also entscheide ich mich für ein Quer-Feld-Ein, parallel der Bergsteigertruppe.
Es wird steil. Der Boden ist so purrös, dass man viel mehr Anstrengung vollbringen muss, da jeder Schritt einem zwar aufwärts bringt, aber man immer wieder einige Zentimeter nach unten rutschen lässt.

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Ich habe die Fußstapfen der Truppe im Schnee entdeckt und laufe im Sicherheitsabstand hinterher. Die Gruppe verschwindet hinter dem Bergrand. Ich blicke nach links oben. Eine steile Wand führt zum Kraterrand. Soll ich es versuchen?

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Überall sieht man Rauch aus dem Boden steigen.
Die ersten Meter machen mir ernste Sorgen. Immer wieder rutsche ich ab und schiebe mich auf allen Vieren nach oben.
Stöcke wären hier eine große Hilfe gewesen, auch wenn sie einem nicht vom ständigen Abrutschen auf dem losen Geröll geschützt hätten.
Mit Händen und Füßen hatte ich dann aber auch vier Fixpunke, mit dessen Technik ich die letzten 200 Meter den steilen Hang hinaufgeklettert bin.
Trotz starkem Methan Geruch in der Luft und dampfendem Boden waren die Steine glücklicherweise nicht heiß. Auch die Sohle schmolz nicht weg.
Auf einmal ist er da: Der Kraterrand. Die Atmosphäre ist gigantisch. Es brodelt, zischt und stinkt. Es ist ein Bild aus grauem Rauch und schwarzer Erde.

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Erst hier, nach einem Moment der inneren Ruhe wird mir bewusst, wie klein der Mensch doch an dieser Stelle nur ist. Die Natur ist gewaltig. Eine Kraft die für uns wie das Wetter nicht beeinflussbar ist. Heute ist mir die Natur gnädig und ich kriege keinen Brocken an den Kopf gechleudert, Atembeschwerden oder Steinschläge ab.
Die Wolkendecke bricht auf und gibt einen traumhaften Blick auf Meer und schneebedeckten Gebirgsketten frei. Ein letztes Mal blicke ich in den dampfenden Krater und setzte den Rückweg an.

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Nachdem das letzte steile Stück vorsichtig bestritten wurde, wurde wieder das Kind in mir wach. Wie beim Ski-Fahren gleite ich ohne große Mühe und mit einem Dauergrinsen im Gesicht durch die schwarze Asche und den weißen Schneefeldern. Immer wieder wechselt der Untergrund und macht diese „Abfahrt“ zu einer meinen emotionalsten Downhill-Passagen in meinem Leben. Runners-High bis zum Abwinken. Die Angst ist weg und die Beine flink. Immer wieder muss ich stoppen, um die Kamera heraus zu holen.

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Zurück auf der SUV-Piste renne ich die letzten Kilometer im Flug zurück zum Parkplatz und geliebten Fiat 500.

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„Dafür laufe ich“, denke ich und genieße den letzten Tag bei Espresso und sizilanischen Spezialitäten am Strand…

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