UTMB Madness

Der Helikopter zieht langsam auf Berghöhe an mir vorbei. „Jetzt schön auf den Trail konzentrieren“, denke ich. Unschön: Die Vorstellung, dass der Kameramann bei traumhaften Alpenpanorama einen Läufer voll auf die Nase fliegen sieht. Vielleicht gibt es ja bald eine neue Youtube-UTMB-Katergorie…

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Höher, Länger, Größer: Das ist jährlich zum Ende des Sommers das Motto des UTMB.
Über ein Losverfahren habe ich am diesjährigen Premierenlauf MCC über 40 Kilometer am Mont Blanc in Chamonix, Frankreich teilgenommen.
Der Ultra Trail du Mont Blanc (kurz UTMB) ist ein mittlerweile legendärer Trail-Lauf über 171 Kilometer (mit 10.000Hm). Mit dem Start am Abend, versuchen rund 10.000 Laufverrückte, innerhalb von 49 Stunden ins Ziel zu kommen. Die schnellsten schaffen es in weniger als 23 Stunden.

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Diese Champions-League des Ultra-Runnings zieht jährlich sportbegeisterte Menschen nach Chamonix. Um an der Trail-Strecke zu stehen und die Teilnehmer anzufeuern oder selber mitzulaufen. Neben dem UTMB stehen noch weitere herausfordernde Distanzen zur Auswahl (121km, 101km etc.). Dabei legen die Veranstalter viel Wert auf die maximale Sicherheit der Teilnehmer. Durch ein Punktesystem muss der/die Läufer/in vor der Registrierung „beweisen“, dass er oder sie ansatzweise die Psyche, mentale Stärke und Erfahrung für diese Art von Läufen in alpinen Gegenden hat. Von den Equipment-Anforderungen ganz zu Schweigen. Aber dazu später mehr.

Dieses Jahr kam ein neuer Lauf – der MCC (de Martigny-Combe à Chamonix) – dazu: Rund 40 Kilometer führen von Martingny nach Chamonix mit rund 2.400 Höhenmetern. Eine super Gelegenheit für mich, die Atmosphäre bei einer kürzeren Distanz aufzusaugen.

1. Prologue:

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Ich liebe die Berge. Am Tag vor MCC klingelt um 6 Uhr der Wecker. Im Hostel werden schnell die Lauf-Klamotten angezogen. Draußen ist es kalt und noch recht dunkel. Ziel am Morgen ist der Lac Blanc. Ein Bergsee auf der anderen Seite vom Mont Blanc und Chamonix. Nach einer Stunde und eiskalten Fingern kommen die ersten Sonnenstrahlen über die Berge.

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Kurz vor Lac Blanc treffe ich völlig entspannt dreinblickende Steinböcke.

Nach dem Lauf und französischen Frühstück mit Espresso und Croissant geht es – diesmal in Wanderoutfit und Rucksack – wieder die Berge hoch. Diesmal an anderer Stelle und noch Planlos, wohin es gehen soll.

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Die menschlichen Begegnungen in der Chamonix Gegend sind immer sehr international. Besonders während der UTMB-Festivitäten kommen Menschen aus allen Ecken der Welt hier her. Für mich ein spürbares Zeichen, wie sehr das Laufen verbindet. Es geht nicht um Zeiten und Platzierungen. Es geht um Abenteurer und deren Geschichten.

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2. Main Course:

Es ist 17:30 am Vorabend des MCC. Ich komme von einer sechs Stunden Wanderung den letzten Abstieg hinunter. Schnell fahre ich mit meinem limett-grünem Smart4four Mietwagen nach Chamonix, um bis 18:00 meine Startunterlagen abholen zu können.

Pustekuchen: Ich bekomme einen Zettel in die Hand gedrückt mit dem Hinweis, dass ich ohne die folgenden Dinge nicht an den Start gehen kann: Trillerpfeife, Kappe, Regenjacke, Rettungsfolie, lange Jogginghose und noch einiges mehr. Nur Laufschuhe standen nicht drauf. „Dann laufe ich halt in Sandalen“, denke ich und verlasse genervt die Sporthalle.

Ich gehe die Liste nochmals durch und komme zum Entschluss, dass ich mir mindestens die Rettungsfolie und eine lange Jogginhose heute Abend irgendwo noch kaufen muss. Um meine Starterlaubnis morgen früh noch bekommen zu können. Glücklicherweise bekomme ich beides in einem überfüllten Sportgeschäft, von denen es in Chamonix mehr gibt als Berge drum herum.

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Der nächste Morgen: Es ist kurz nach 7 Uhr und ich sitze im Bus Richtung Martingny. Ohne Startnummer. Diese würde ich hoffentlich dort am Start kriegen. Erneut zeige ich alle notwendigen Materialien vor. Nach langer Begutachtung meiner wasserfesten Jacke (der Tag verspricht einen wolkenlosen Himmel bei Temperaturen um 24° Celsius), steht Fest: Die ist nicht Wasserdicht! Zumindest nicht nach dem Label in der Jacke.

Nach zweifenden Blicken, wie ich jetzt bitte an den Start gehen kann, zeigt die Dame auf einen Nachbartisch. Dieser verkauft schicke Regenjacken für 279 Schweizer Franken. Cash only, keine Kreditkarte. Mit meinem 50€ Schein in der Weste komme ich hier also nicht weiter. Das ganze Spiel wird mir langsam zu blöd und ich habe mich innerlich dazu entschlossen, ohne Startnummer und Wertung zumindest zurück nach Chamonix zu laufen (Diese Entscheidung hätte ich spätestens am ersten Kontrollpunkt nach Kilometer 8 sicherlich bereut: Mittels kleinen Handgeräten werden die RFID-Chips eines jeden Teilnehmers gescannt!). Doch wie es das Glück manchmal mit einem hat, lag in der Plastikwanne – in der ich die Gegenstände dem Veranstalter präsentieren durfte – bereits der Umschlag mit der Startnummer. Schnell mache ich mich aus dem Staub. Nun kann es doch noch los gehen…

Hierzu an dieser Stelle noch ein paar allgemeine und deutliche Worte: Auch wenn die Liste des Veranstalters für diese Streckenlänge wohl dem ein oder anderen die Augenbrauen hochzieht (mir eingeschlossen), muss jeder Teilnehmer diese Pflichten zu seiner eigenen Sicherheit erfüllen. Im Gegensatz zu den „Wald & Wiesen“-Läufen, befinden wir uns hier nun Mal im alpinen Umfeld. Das Wetter kann sich schnell ändern. Hilfe kann bei Verletzungen und Unfällen in 3.000 Metern Höhe und schlechten Wetterverhältnissen oftmals erst verspätet erfolgen. Somit lerne ich, dass – egal welche Distanz – die Anforderungen des Veranstalters erfüllt sein müssen. Man erspart sich dadurch viel Stress und Ärger.

Immerhin habe ich meine nagelneue gold-silberne Rettungsfolie nun immer Griffbereit neben dem Sofa liegen.

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Mit Startnummer geht es nun endlich um 10:00 hinauf in die Berge. Die Atmosphäre ist ansteckend und einzigartig: An der Strecke stehen ganze Schulklassen, die wohl von ihren Lehrern den Vormittag frei bekommen haben, um die Athleten anzufeuern. Überall stehen Einwohner in ihren Gärten oder feuern die Läufer mit Kuhglocken – aus ihren Hausfenstern guckend – an.

Eine Strategie hatte ich für den MCC nicht. Nach einem langen Sommer mit vielen Wettkämpfen wollte ich den Tag einfach nur genießen. Für die ersten 20 Kilometer blieb auch genug Zeit für Fotos machen. Denn die waren steil. Im Walking-Schritt ging es in einer Menschenkette den Trail hinauf. Immer wieder bildeten sich leichte Staus an besonders steinigen und technisch-schwierigem Terrain.

Am höchsten Punkt angekommen, hat man das Ziel Chamonix bereits in der Ferne sehen können. Gedankenlos und ohne Gedränge rannte ich den Berg hinunter. Doch die letzten 10 Kilometer durch das Tal Richtung Chamonix vielen mir erstaunlich schwer. Die Sonne knallte gnadenlos ins Tal. Ich laufe nach wie vor mit meiner „Regenjacke“. Denn die passte neben meiner langen Laufhose nicht mehr in die Laufweste. Shit happens…

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Der Zieleinlauf in Chamonix war im Gegensatz dazu spektakulär. Auch dieser Lauf wurde von tausenden Menschen Wert geschätzt. Jeder einzelne Athlet wurde vor großem Applaus und Getrommel ins Ziel getragen. Im letzten Jahr habe ich den UTMB stundenlang im Live-Stream verfolgt. Nun renne ich auch genau dort ins Ziel.

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3. Epilogue:

Der dritte Tag in Chamonix ist gleichzeitig der Abreisetag. Nach der wohl bekannten Espresso-Croissant-Kombi geht es nochmals die Berge hoch. Für ein letztes geht dieses Jahr der Blick auf die Gletscher und den Pfaden um das Mont Blanc Massiv.

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Bei allem Hype lässt sich auch hier sagen: I will be back!

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